Dornröschenschlaf in der Schweiz

Am 21. Mai stimmen die Schweizer über die Energiestrategie 2050 ab – ein zwischen allen Parteien ausgehandeltes Gesetzespaket. Sie ist ein wichtiger Schritt zum Umbau der eidgenössischen Energieversorgung – weg von Atom und den fossilen Energien, hin zu den erneuerbaren Energien und Effizienz in der Stromversorgung, für klimaverträgliche Gebäude und eine moderne Mobilität.

Mit einem ‚Ja‘ zur Energiestrategie 2050 würden die Schweizer dafür stimmen, dass ihr Land international den Anschluss nicht verpasst. So zumindest mein Eindruck, den ich als Gastredner auf der Jahresversammlung der Schweizer Energiestiftung vorgestellt habe (Vortrag hier). Denn die globalen Trends sprechen eine eindeutige Sprache:

Erstens, die Kohle ist weltweit auf dem Rückzug. Die Speerspitze bildet dabei Großbritannien, das Mutterland der Industrialisierung, das auf eine stolze Kohletradition zurückblicken kann. Dort ist in den letzten zehn Jahren der Kohleverbrauch dramatisch eingebrochen, um rund 75% gesunken. Billiges Gas, mehr erneuerbare Energien und ein rückläufiger Stromverbrauch machen die Kohle überflüssig. Heute wird so wenig Kohle wie noch nie zuvor in Großbritannien verbrannt. Der 21. April 2017 war historisch: es war erste Tag in der Geschichte Englands, in dem nicht eine einzige Kilowattstunde Kohlestrom durch die Netze geflossen ist.

Quelle: Carbon Brief 2017

Zweitens, der Zubau von Wind und Solar legt enorm an Tempo zu. 2016 war ein Rekordjahr. Mit 160 Gigawatt wurde so viel neue Leistung installiert wie nie zuvor. Im Vergleich zum Vorjahr hat der Zubau nochmals um 9% zugelegt. Bemerkenswert ist: Gleichzeitig sind die Kosten dafür um 17% gefallen. Wir bekommen mehr Leistung für weniger Geld.

Quelle: BNEF 2017

Die Energiesysteme sind weltweit im Umbruch, angetrieben von technischem Fortschritt, sinkenden Kosten und einer Politik, die aufbauend auf dem Klimavertrag von Paris mit den Klimaschutz endlich ernst machen will. Die Energiewende gewinnt den Kostenvergleich. Trotz allem ist der Umstieg ist kein Selbstläufer, sondern harte Arbeit. Es ist das Bohren dicker Bretter.

Das bekommen auch die Schweizer zu spüren. Bislang spielten die Windkraft und die Fotovoltaik eine marginale Rolle in der Schweizer Stromversorgung. Die wird dominiert von Wasserkraft (58%) und Atomkraft (36%). Die Energiestrategie hat zum Ziel, die erneuerbaren Energien aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. Das ist überfällig. Doch wie sollte es anders sein: Natürlich versuchen auch in der Schweiz die Apologeten der alten Energiewelt den Umstieg zu verhindern, zum Teil mit fadenscheinigen Argumenten.

Die politisch zu entscheidende Frage ist, ob die Wende hin zu einer kohlenstoffarmen Energieversorgung gegen die Interessen der fossilen Lobby rechtzeitig durchgesetzt werden kann. Auch deshalb ist es wichtig, dass die Schweizer sich für die Energiestrategie 2050 entscheiden. Sie wären damit auch international in guter Gesellschaft!

Titelfoto: energiestiftung.ch


Was denkst du?