Panic vs. Leadership – Kommunikation und Perzeption der deutschen Energiewende im Ausland

International Perception of the Energiewende between Panic reaction and leadership role

Liest man manch englischsprachigen Artikel zur Energiewende, reibt man sich verwundert die Augen: In Deutschland werde seit dem Beginn der Energiewende mehr Kohle verstromt, die Stromversorgung sei instabil und hänge von Importen ab und steigende Strompreise würden ganze Industrien ins Ausland treiben. Keine dieser Aussagen hält einer ernsten Überprüfung stand. Und doch halten sich diese Vorurteile im Ausland, besonders in den USA, hartnäckig. Von ein paar Ausnahmen abgesehen sind solch hanebüchenen Argumente in der deutschen Debatte nicht mehr zu finden.

Aber wie erklärt sich, dass die Energiewende im Ausland ganz anders, mitunter sehr verquer wahrgenommen wird? Auf Einladung des Netzwerks Initiative Psychologie im Umweltschutz (IPU), an dessen Herbstklausur ich teilnehmen durfte, bin ich der Frage nachgegangen. Nach meiner Einschätzung ist die in Teilen recht selektive Wahrnehmung der Energiewende im Ausland auf vier sich überlagernden Faktoren zurückzuführen. Diese erschweren es der internationalen Öffentlichkeit, die deutsche Energiewende in ihrer vollen Komplexität zu verstehen:

Selektive Berichterstattung

  1. Der erste Faktor ist das Phänomen der im Ausland missverstandenen innenpolitischen Zuspitzung. Um ihr Publikum zu überzeugen, greifen Politiker teils zu drastischen Übertreibungen. Hiesigen Journalisten mögen die Aussagen besser einordnen können und Fakten von Rhetorik unterscheiden. Beobachtern im Ausland fehlt dazu aber oft der nötige Hintergrund. Bestes Beispiel: Sigmar Gabriel spricht auf einem Solarkongress im April 2014 davon, „dass die Energiewende kurz vor dem Scheitern steht.“ Damit wollte er, meine Interpretation, die Solarbranche auf die EEG-Reform und die damit verbundenen Einschnitte in der PV-Förderung einschwören. In den USA wurden daraufhin eine Reihe von Blogposts- und Artikeln veröffentlicht, die diese Äußerung mit den Worten „the green energy orgy in Germany is over“ als Eingeständnis der Regierung interpretierten, dass die deutsche Energiewende grundsätzlich gescheitert sei.
  2. Der zweite Faktor ist der Mangel an Übersetzungen deutscher Qualitätsmedien. Bis vor kurzem gab es nur wenige deutschsprachige Medien, deren energiepolitische Beiträge auch auf Englisch abrufbar waren. Dadurch kann aber nur ein selektiver Ausschnitt des deutschsprachigen Diskurses im Englischen wiedergegeben werden. Daraus folgt eine oft zu selektive Berichterstattung. Bestes Beispiel dazu lieferte Spiegel Online, dessen Artikel zur Energiearmut weitaus größere Resonanz im Ausland als hierzulande fand. Dank einiger Initiativen (s.u.) wird der deutsche Diskurs zur Energiewende mittlerweile verstärkt auch auf Englisch wieder gegeben, so dass dieser Faktor in Zukunft eine geringere Rolle spielen dürfte.
  3. Typische Argumentationsmuster von Energiewendekritikern in Ausland

    Typische Argumentationsmuster von Energiewendekritikern in Ausland

    Doch selbst wenn Informationen zur Energiewende umfangreich vorliegen, kann es zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen kommen. Dies hat mit abweichenden Wahrnehmungs- und Deutungsmustern zu tun. Berichte über die deutsche Energiewende schlagen in einem anderen Kontext auf und werden neu interpretiert. So wird die Energiewende häufig missverstanden oder kann nur schwer eingeordnet werden. In Frankreich sind zum Beispiel die Eliten aus Energieindustrie und Politik eng miteinander verwoben. Die zentralistische Atompolitik, die in kleinen Expertenzirkeln ohne große öffentliche Debatte entschieden wurde, war lange Aushängeschild des Industriestandorts Frankreich. Deutsche Berichte von einer Bürgerenergiewende, den wirksamen Protesten gegen Atomkraftwerke und dem zwar rapiden, aber dennoch kleinteiligen Ausbau der erneuerbaren Energien werden daher leicht als irrationale Panikreaktion auf Fukushima abgetan.

  4. Der vierte Faktor, der die Perzeption der Energiewende gerade in der angelsächsischen Öffentlichkeit prägt, ist die gezielte PR-Arbeit der fossilen Industrie. Besonders in den USA arbeiten eine Reihe von konservativen und neoliberalen Think Tanks daran, die Energiewende als Irrlicht der Energiepolitik zu diskreditieren. Diese meist von der fossilen Industrie finanzierten Institute versuchen damit die fortbestehende Notwendigkeit einer amerikanischen Atom-, Gas- und Kohleindustrie zu begründen. Dabei bedient man sich gerne bei den bereits genannten innenpolitischen Dramatisierungen und einseitigen Artikeln aus Deutschland, was der Position zusätzliche Glaubwürdigkeit verleiht. Schließlich erbringt man so den angeblichen Beleg, dass die Deutschen selbst an der Energiewende zweifeln. Dass deutsche Haushalte im Schnitt weniger für ihren Strom ausgeben als ihre amerikanischen Pendants und 93% der Deutschen den weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien als wichtig und richtig betrachten, wird dabei gerne ausgeblendet.

Wenig überraschend treten die vier Faktoren in den unterschiedlichen Ländern in verschiedenen Ausprägungen auf. Dies ist beispielsweise bedingt durch die unterschiedliche Verfügbarkeit bilingualer Korrespondenten, die vor Ort Dramatisierungen einordnen und richtigstellen können, sowie der Einflussmacht der klassischen Energieindustrie im entsprechenden Land.

Stell dir vor die deutsche Energiewende gelingt und niemand erfährt davon

Warum ist das ganze überhaupt relevant? Im Ausland gilt die deutsche Energiewende oft als Vorbild. Viele wünschen sich, dass ihre eigene Regierung eine ähnlich fundamentale Transformation der Energieversorgung anstrebt. Die Annahme lautet in etwa: Kann ein hochindustrialisiertes Land wie Deutschland seine Wirtschaft ohne Kohle und Atom, auf Basis der erneuerbaren Energien betreiben, dann kann jedes andere Land das auch. Ob gewollt oder nicht: Diese Vorbildrolle bringt eine große Verantwortung mit sich. Fährt die Energiewende gegen die Wand, dann wird die Lobby der fossilen Beharrungskräfte versuchen das zum Anlass zu nehmen, die erneuerbaren Energien weltweit auszubremsen.

Wenn die Beobachtung so zutrifft, dann kommen wir nicht umhin, die Erfahrungen der Energiewende proaktiv nach außen zu kommunizieren. Es reicht nicht aus, Wissen zur Energiewende auf Deutsch zur Verfügung zu stellen und alles weitere dem Zufall zu überlassen. Diejenigen, die die Energiewende nicht nur in Deutschland sondern weltweit vorantreiben wollen, haben ein elementares Interesse daran, dass die entsprechenden Erfahrungen auch international ankommen. In den letzten Jahren wurden bereits erste Schritte in diese Richtung unternommen. Projekte wie energytransition.de, dem @EnergiewendeGER Twitter-Account, Clean Energy Wire und die Arbeit der Bundesregierung, auch mit dem Club der Energiewende-Staaten, zeigen eine zunehmende Bereitschaft zur proaktiven Vermittlung der Energiewende im Ausland und damit auch einer neuen Energieaußenpolitik.

Damit diese gelingen kann, sind weitere Anstrengungen in der internationalen Vermittlung der deutschen Energiewende notwendig. Denn der Erfolg der deutschen Energiewende wird sich zukünftig nicht allein daran messen lassen, ob Deutschland es schafft, den Atomausstieg umzusetzen und das Energiesystem auf Basis der Erneuerbaren Energien zügig und bezahlbar zu dekarbonsieren. Letzten Endes geht es auch darum, als internationaler Vorreiter den Weg in das post-fossile Zeitalter zu weisen. Man würde dem Klimawandel einen Bärendienst erweisen, wenn die Energiewende zwar gelänge, die Welt davon aber nicht erfahren würde.

(linkes Artikelfoto von GLSystem, rechtes Artikelfoto von Raimond Spekking, beide CC BY-SA-3.0)


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